«Änderungen müssen behutsam eingeführt werden»
Visions du Réel

«Änderungen müssen behutsam eingeführt werden»

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12 Apr 2018

Nach fünf Jahren im Auswahlkomitee übernimmt Emilie Bujès dieses Jahr die künstlerische Leitung des Festivals Visions du Réel.

Das Gespräch führte Pascaline Sordet

 

Welches ist die wichtigste Änderung unter Ihnen als neuer künstlerischer Direktorin?

Es sind zwei. Die erste betrifft die Sektion Regard Neuf, die neu zu Burning Lights wird. Für ein Festival wie das unsere, wo die Entdeckung neuer Filmemacher im Vordergrund steht, war eine Sektion nicht zwingend, wo nur Erstlingsfilme gezeigt werden. Anstatt sich auf die Produktionsbedingungen zu beschränken, möchte ich den Fokus mehr auf die Umsetzung lenken und auf der Suche nach filmischen Handschriften etwas gewagtere Autoren finden.

 

Die Auswahl ist also eher formaler als thematischer Art?

Die Frage der Thematik interessiert mich nicht so sehr, oder wenn dann nur zweitrang­ig. Natürlich gibt es vielversprechende Themen, doch wir suchen in erster Linie Filme, die eine starke Aussage haben. Dies geschieht auf formaler Ebene, aber auch zum Beispiel dank einem produktiven Zusammenspiel von ­Fiktion und Dokumentation.

 

Ist dies eine natürliche Entwicklung in der Festivaltradition, oder könnte das Publikum überrascht sein?

Ich bin der Meinung, dass Veränderungen schrittweise und  behutsam eingeführt werden müssen. Das Festival hat verschiedene Kapitel durchlebt, unter Moritz de Hadeln und Erika de Hadeln, unter Jean Perret oder Luciano Barisone. Sie alle haben es unterschiedlich geprägt. Selbst wenn mich mit jedem von ihnen Gemeinsamkeiten verbinden, möchte ich aufgrund meines Werdegangs und meiner Interessen mehr experimentelle, offene und einzigartige Arbeiten in den Vordergrund stellen. Ich bin überzeugt, dass das Publikum sehr offen gegenüber Neuem ist – das war es schon immer.

 

Gilt das nur für die neue Sektion Burning Lights oder für das ganze Programm?

Ich denke, dass sich dies im ganzen Programm ein wenig niederschlagen wird. In der Sektion Burning Lights wird die Veränderung aber sicher am stärksten spürbar. Auch möchte ich die Sektionen gerne noch klarer umschreiben, damit das Publikum weiss, was es erwartet. Ein weiteres Ziel ist, das Spek­trum des Programms zugleich kohärent und so breit wie möglich zu gestalten, insbesondere in den Sektionen Grand Angle und Latitudes.
 

Sie haben zwei wichtige Änderungen erwähnt. Was ist die zweite?

Die Sektion Compétition Nationale soll einen höheren Stellenwert erhalten. Das ist nicht einfach, denn in dieser Sektion gibt es keine Succès-Festival-Punkte. Für die Produzenten und Filmemacher kann dies ein Hindernis darstellen, doch in meinen Augen ist diese Sektion sehr wertvoll. Ich werde regelmässig als Jurymitglied an andere Festivals eingeladen – kürzlich war ich zum Beispiel am Festival de Valdivia in Chile und bei den RIDM von Montréal – und schätze es sehr, in den nationalen Wettbewerben die Praktiken des jeweiligen Landes kennenzulernen. In den kommenden Jahren möchte ich an der Aufwertung dieser Sektion arbeiten, damit sie ein noch repräsentativeres Bild der ausgezeichneten Dokumentarfilm-(Ko-)Produktionen der Schweiz zeigt. Bei ausländischen Programmverantwortlichen ist diese Sektion übrigens sehr beliebt. Ausserdem bin ich sehr glücklich darüber, dass wir für die Sektion Burning Lights nun auch Succès-Festival-Punkte erhalten haben – bisher gab es sie nur für die Compétition Internationale Longs Métrages –, während beim nationalen Wettbewerb für das BAK eine Förderung nicht in Frage kommt.

 

Die Teilnahme an einem nationalen Wettbewerb hat aber auch Vorteile...

Wenn ein Film seine Weltpremiere an einem Festival seines Produktionslands hat, kann er anschliessend an einem anderen wichtigen Festival im Ausland seine internationale Premiere feiern. Letztes Jahr wurde «Rue Mayskaya» von Gabriel Tejedor zuerst bei Visions du Réel und danach in Amsterdam am IDFA gezeigt; umgekehrt wäre es nicht möglich gewesen. Für mich ist dies eine ideale Abfolge.

 

Gab es bedeutende Änderungen im Programmteam von Visions du Réel?

Unser Auswahlkomitee besteht derzeit mehrheitlich aus Frauen. Das war zwar keine Absicht, doch rückwirkend betrachtet finde ich es spannend. Dadurch verändern sich gewisse Mechanismen in der Art, die Filme zu betrachten und sich darüber auszutauschen.

 

Sie haben Kunstgeschichte studiert. Wann haben Sie begonnen, sich für den Film zu interessieren?

Ich war im Rahmen des Erasmus-Programms in Berlin und absolvierte ein Praktikum bei Transmediale. Am Anfang verstand ich nicht so genau, was dort alles lief – einige Projekte waren ziemlich «geek». Eines Tages gab mir der Direktor einen Stapel DVDs mit Filmen diverser Genres und meinte: «Sag mir, was du davon hältst». Dies war mein Einstieg in die Filmwelt, und anschliessend schrieb ich meine Diplomarbeit über die Beziehung zwischen Ton und Bild in der Videokunst.

 

Waren Sie damals schon an Programmgestaltung interessiert?

Eigentlich wollte ich Ausstellungskuratorin werden, doch ich empfinde es als äusserst frustrierend, dass sich in der Kunstszene die Konsumgewohnheiten oft nicht mit der Aufmerksamkeit decken, die das Werk verdient. So zeigte ich zum Beispiel eine Ausstellung, für deren Erkundung man ungefähr zweieinhalb Stunden benötigt hätte, und die Leute verliessen sie nach sieben Minuten und beglück­wünschten mich zur gelungenen Ausstellung... An Festivals führt man präzise und anregende Gespräche und hat einen ganz anderen Bezug zur Zeit.

 

Wie sind Sie zum Festival Visions du Réel gekommen?

(Lacht) Ich werde Ihnen ehrlich antworten. Das geschah durch die Vermittlung eines Freundes: Paolo Moretti, der neue Generaldelegierte der Quinzaine des Réalisateurs, stellte mir Luciano Barisone am legendären Empfang der mexikanischen Botschaft in Berlin vor, der unter dem Motto «Tequila und Mariachi» steht. Ich arbeitete damals am Centre d’Art Contemporain in Genf, und Luciano schlug mir vor, am Festival die Diskussions­runden nach den Filmvorführungen zu leiten. Ein Jahr später, im Jahr 2013, trat ich dann dem Auswahlkomitee bei.

 

Denken Sie, dass Ihre Ausbildung Ihren Blick beeinflusst?

Ich bin jedenfalls nicht im akademischen Milieu gefangen. Vor allem aber glaube ich, dass der Blick etwas Gegebenes ist, auch wenn man ihn natürlich fördern und weiterentwickeln kann. Die fünf Jahre, in denen ich mir allein für das Festival jährlich 800 Filme ansah, haben sicher mehr zur Weiterentwicklung meines Blicks beigetragen als mein Studium in Kunstgeschichte.

 

Was erhoffen Sie sich in den nächsten Jahren für das Festival?

Ich hoffe, in der dichten und sehr kompetitiven Festivalwelt einen klugen Diskurs und eine starke Identität zu schaffen, die auf die ortsspezifischen Besonderheiten Rücksicht nimmt. Mit manchen Festivals arbeiten wir zusammen, andere liegen zeitlich nahe an unserem, was die Beziehung erschweren kann. Dieses Jahr interessierten wir uns für gleiche Filme wie Tribeca und CPH:DOX, vor allem aber wie Berlin, da das neue Team beim Panorama eine Linie verfolgt, die unserer ähnlich ist.

 

Sie sprachen von einer «starken Identität». Wie würden Sie diese beschreiben?

Im Vergleich zu diesen drei Festivals: Berlin ist eine riesige Veranstaltung in einer Grossstadt mit einem immensen Markt; Kopenhagen hat ein viel grösseres Budget als wir und findet in einer Trendstadt statt; Tribeca ist in New York auf dem amerikanischen Markt. Nyon zwingt uns dazu, nach etwas Besonderem und Privilegiertem zu suchen, dessen Identität sich sowohl aus der Programmgestaltung als auch aus den Bedürfnissen des Marktes ergibt. Ich wünsche mir, dass die Energie zwischen beidem in Zukunft noch ­besser fliesst.

 

Wie stellen Sie sich den Dialog zwischen den verschiedenen Sektionen und dem Markt vor?

Wir achten darauf, dass die Vision von Kino, für die wir uns einsetzen, kohärent ist. Auf dem Markt gelten andere Regeln, doch mir ist es zum Beispiel wichtig, dass die Diskussionsrunden einen Bezug zum Programm haben, wie es beim Runden Tisch von Cinébulletin im letzten Jahr der Fall war. Natürlich hoffe ich auch, dass wir in den nächsten Jahren Projekte aus den Bereichen Pitching du Réel, Docs-in-Progress oder Rough Cut Lab in unser Programm aufnehmen können. Solche Synergien helfen uns auch dabei, die Identität des Festivals zu stärken. Das Zusammentreffen all dieser natio­nalen und internationalen Akteure des Dokumentarfilms ist klar eine Stärke unseres Festivals. Und es funktioniert: Christian Frei lernte den Ko-Regisseur von «Genesis 2.0», Maxim Arbugaev, vor einigen Jahren in Nyon kennen.

 

Haben Sie Pläne, um die am Festival gezeigten Filme auf den digitalen Plattformen zu fördern?

Wir unterhalten sehr erfolgreiche Partnerschaften mit Festival Scope, mit Mubi für den Fokus Serbien, mit dem Netzwerk Tënk, die in der neuen Sektion Opening Scenes einen Preis verleihen, und mit Doc Alliance für die Claire-Simon-Retrospektive. Mir ist es sehr wichtig, dass die Filme auch nach dem Festival weiterleben und dem Publikum zugänglich bleiben.
 

Kommen wir zur letzten Frage: Wie arbeitet Visions du Réel mit anderen Schweizer Festivals zusammen, insbesondere mit Locarno, Zürich und Genf, die letztes Jahr das Programm Connect to Reality ins Leben gerufen haben?

Das Projekt wurde bereits vor meiner Nominierung initiiert, und wir waren nicht direkt involviert. Ich habe die Schritte und Diskussionen mit Interesse verfolgt und an den Runden Tischen in Locarno und Genf teilgenommen. Was uns betrifft, so haben wir beschlossen, ab 2018 ein neues Forum du documentaire et de l’audiovisuel zu lancieren. Es soll der Branche im Rahmen des Marktes eine Plattform bieten, um sich jährlich am Visions du Réel zu treffen. Es beginnt am 20. April mit dem Panel unter dem Titel «Nach No Billag: Gilles Marchand und die SRG im Gespräch mit der Filmbranche».

▶  Originaltext: Französisch

 

Emilie Bujès ist 1980 geboren und französisch-schweizerischer Nationalität. Sie war bei Visions du Réel seit 2012 im Auswahlkomitee und wurde dort 2016 stellvertretende künstlerische Direktorin. Sie hat einen Magister in Kunstgeschichte und erhielt 2014 den Schweizer Kunstpreis für Vermittlung. Bis 2016 war sie stell­vertretende künstlerische Direktorin beim Internationalen Filmfestival La Roche-sur-Yon; sie arbeitete beim Berlinale Forum und ist Mitglied der Kommission Image/mouvement beim Centre national des arts plastiques.

 

Bild: Emilie Bujès

 

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